Stoff und Stil in der Mode

Es ist interessant die Entwicklung von Stoff und Stil über die Jahrhunderte zu betrachten: Die ältesten Darstellungen, die auf uns den Eindruck des „Modischen“ machen, stammen aus dem kretisch-minoischen Kulturkreis. Es sind die bekannten Fayencefiguren der Schlangengöttin und ihres Gefolges, von denen die Archäologen vermuten, sie seien um 1800—1500 v.Chr. entstanden. Abgesehen von ihrem künstlerischen Wert frappieren diese Plastiken als Dokumente archaischer Schneiderkunst.

Sie sind bekleidet mit einem engtaillierten, halbärrneligen Leibchen, dessen großes Dekollete die Brüste entblößt. Der Rock setzt sich aus vielen.zierlichen Volants zusammen. Darüber liegt ein Hüftschmuck, den der Kostümforscher Mützel als den Rest des urtümlichen Hüftschurzes deutet, hier als Zeichen der Würde zu einer Form stilisiert, die seinen eigentlichen Zweck nicht mehr erkennen läßt.

Außerdem tragen diese Frauen sehr verschieden geformte Kopfbedeckungen, in denen sich eine reiche Phantasie auslebt. Und das Ganze ist von einer Farbenpracht, die unsere Bewunderung erregt. Sollte das nur der Künstler erfunden haben? Kaum anzunehmen. Wir vermuten mit Recht, daß die Kreterinnen in ihrer Kleidung das zum Ausdruck brachten, was wir heute auch als „modisch“ empfinden.
Mit dem Untergang der kretisch-minoischen Kultur ist wahrscheinlich eine hochentwickelte Schneiderkunst verlorengegangen, grundverschieden von dem allgemeinen Bekleidungsprinzip der Antike, die nur das gewickelte „ungeschneiderte“, zumindest nicht in Form geschnittene Gewand kannte. Für diese Wickeltrachten, z. B. die griechischen, gibt es in der Kunst zahllose Beispiele, an denen wir die Entwicklung verfolgen können.

Wir bemerken mannigfaltige Veränderungen und Abwandlungen durch die Art der Gürtung, durch Farben und Muster und vor allem durch die unterschiedliche Länge und Weite der Gewänder. Auch die Frau im alten Griechenland, obwohl sie keine Rolle im öffentlichen Leben spielte, offenbart modischen Sinn. Beispiele dafür sind die reizenden Tanagrafigürchen aus dem 4. bis 2. Jahrhundert v. Chr. Manche tragen zu dem klassischen Wickelgewand ein scheibenförmiges Hütchen mit kegelartiger Spitze, das hoch oben auf dem edlen Köpfchen thront.

Diese kapriziösen Gebilde waren eigentlich überflüssig, denn sie konnten keineswegs als Sonnenschutz dienen. Sie waren nur Putz und Zier, Produkt einer ganz raffinierten Mode, die auch Schirme, Fächer, Schleier und vielerlei Kosmetika als Mittel weiblicher Bezauberungskünste hervorbrächte. Jene über das Zweckmäßige hinausgehenden Überflüssigkeiten, das Formen – spiel an den Gewändern selbst sind ein Wesenszug der Mode.
Auch im frühen Mittelalter bestand die Kleidung wie in der Antike aus geraden oder halbrund geschnittenen Zeugstücken, die entweder um den Körper gewickelt oder höchstens durch Schulter- und Seitennähte zu einem hemdartigen Kittel geschlossen wurden. Wenn wir nun die Kleidung der Antike mit der des Mittelalters vergleichen, so ist zwar eine stetige Veränderung zu bemerken; sie vollzog sich aber nur sehr langsam.

Erst etwa vom 12. Jahrhundert an erhielt die Kleidung durch das Zuschneiden ihre Form. Die Strumpfhosen der Männer wurden anliegend gestaltet, die Frauenkleidung wurde „tailliert“, die Ärmel hatten besseren Sitz usw. Etwas ganz Neues geschah damit: der Körper wurde nicht mehr wie bisher verhüllt, sondern wie einst in Kreta zur Schau gestellt. Außerdem wurde die Kleidung, die bisher für Mann ünd Frau (von den Rüstungen der Ritter abgesehen) nahezu gleich, nämlich kleidartig war, jetzt unterschiedlich. Die Hose wurde das kostümliche Kennzeichen des Mannes.
Manche Kostümforscher sind der Meinung, daß man erst etwa von der Mitte des 14. Jahrhunderts an von Mode sprechen kann, als der Körper nicht mehr in seiner gegebenen Form hingenommen, sondern stilisiert wurde. Polsterungen verbreiterten die Schultern, Schnür- werk verengte die Taille, hohe Hutformen, Schleppen und Schnabelschuhe vergrößerten die Gestalt usw. Dieser Wille zur Stilisierung des Körpers ist ein anderes Merkmal der Mode, das in Europa an den französisch-burgundischen Trachten des 14. und 15. Jahrhunderts erstmalig zum Ausdruck kam. Seither gibt es in der Mode die wechselnde Betonung einmal dieses, einmal jenes Körperteils bis auf unsere Tage.
Andere Experten der Kostümkunde verlegen den Beginn der Mode ins 17. Jahrhundert. Damals trat Frankreich die Modeherrschaft an, der sich alle zivilisierten Länder des Abendlandes beugten: die Mode wurde international — ein weiteres wesentliches Begriffsmerkmal. Von dieser Zeit an gibt es jeweils immer nur eine Mode: für die Frau die französische, für den Mann zunächst ebenfalls die französische, später – vom Beginn des 19. Jahrhunderts an .wenig nach ihrem Geschmack oder wählen das ihnen am meisten Zusagende aus.
Als Paris die Hauptstadt der Mode wurde, verschwanden mehr und mehr die nationalen, regionalen und ständischen Trachten, die sich bis dahin erhalten hatten, wie die reichsstädtischen und die niederländischenTrachten. Letztere waren eine eigenwüchsige Abwandlung der Spanischen Mode, welche erst in dieser Variante in Mitteleuropa Einganggefunden hatte. Nur die Volkstrachten lebten neben der Mode weiter; doch auch sie sind nicht immer von modischen Einflüssen frei geblieben. Manche längst vergessene Mode hat sich in ihnen niedergeschlagen und, zuweilen in seltsamer Form, bis heute erhalten.
Die Moden früherer Epochen sind vornehmlich an den Fürstenhöfen entstanden. Wer ihre Schöpfer waren, ist uns unbekannt. Sicher gaben die Könige und Königinnen und die Großen ihres Gefolges häufig die Anregungen; davon zeugen in der Kostümkunde die Namen: Isabeau de Baviere, Isabellä d’Este, Madame Pompadour, LudwigXIV. u. a. m. VonMarie Antoinette‘ wissen wir, daß ihr eine Hofschneiderin zur Seite stand: Rose Bertin, die erste berühmt gewordene Modekünstlerin. Rose Bertin arbeitete nur für die Königin und wenige Auserwählte am Hof.
Um die Mitte

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